Nachteilsausgleich

Für Schülerinnen und Schüler mit einer diagnostizierten Behinderung kann ein Nachteilsausgleich vereinbart werden. Dieser bezieht sich ausschliesslich auf benotete, selektionswirksame Leistungsnachweise. Bei einem Nachteilsausgleich werden die Lernziele des regulären Lehrplans beibehalten.

Bundesverfassung und Behindertengleichstellungsgesetz verpflichten Bund und Kantone zu Massnahmen, um Benachteiligungen von Menschen mit einer Behinderung zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen. Diesem Anspruch kann die Volksschule in vielen Fällen mit Massnahmen des individualisierenden Unterrichts genügen. Ein formeller Nachteilsausgleich ist nur in Ausnahmefällen nötig.

Individualisierung und Nachteilsausgleich sowie Individualisierung und Anpassung von Lernzielen

Individualisierung

Anpassungen im Unterricht liegen im pflichtgemässen Ermessen der Lehrpersonen. Sie richten sich nach den Erfordernissen im Schulalltag und können flexibel vorgenommen werden. Besondere Vereinbarungen oder bestimmte Diagnosen sind nicht erforderlich.

Beispiele für situative Anpassungen

  • unterschiedliche Mengen an (Haus-)Aufgaben
  • unterschiedliche Niveaus beim Lösen einer Aufgabe
  • Kennzeichnung von Aufgaben in einer Prüfung, mit denen die Grundansprüche erfüllt werden
  • unterschiedliche Gewichtung einzelner Leistungsnachweise (Beurteilungsbelege) sowie Berücksichtigung der individuellen Entwicklung beim Festlegen der Zeugnisnote
  • Rhythmisierung mit Kurzpausen
  • weitere individualisierende Massnahmen

Individualisierung in Prüfungssituationen

Auch bei benoteten, selektionswirksamen Prüfungen kann die Lehrperson im pflichtgemässen Ermessen Anpassungen vornehmen.

Beispiele für situative Anpassungen

  • Zeitzuschläge bei Prüfungen
  • mündliche anstelle von schriftlichen Prüfungen (oder umgekehrt)
  • Prüfungsdurchführung in separatem Zimmer
  • zusätzliche Erholungspausen

Formeller Nachteilsausgleich

Formeller Nachteilsausgleich in Prüfungssituationen

Eine formelle Vereinbarung zum Nachteilsausgleich ist angezeigt, wenn in Prüfungssituationen generelle Anpassungen vorgenommen werden. Voraussetzung dazu ist eine durch eine Fachstelle diagnostizierte Behinderung. Bei einem Nachteilsausgleich in Prüfungssituationen werden die Lehrplanziele der jeweiligen Klasse grundsätzlich beibehalten, formale Anpassungen sind möglich. Die individuellen Massnahmen sind bezogen auf die aktuelle Lernsituation verhältnismässig (weder Aufgabenerleichterung noch Bevorzugung) und sie sind gegenüber den Mitlernenden, Lehrpersonen und Vorgesetzten ohne lange Erläuterungen und 'guten Gewissens' vertretbar, nachvollziehbar und kommunizierbar.

Beispiele für formell vereinbarte Massnahmen zum Nachteilsausgleich in Prüfungssituationen

  • Zeitzuschläge bei Prüfungen
  • mündliche anstelle von schriftlichen Prüfungen (oder umgekehrt)
  • Prüfungsdurchführung in separatem Zimmer
  • zusätzliche Erholungspausen
  • Begleitung durch Assistenzperson (bei körperlicher, gesundheitlicher oder sensorischer Beeinträchtigung)
  • Einsatz von behinderungsspezifischen Hilfs- und Arbeitsmitteln
  • weitere organisatorische, technische oder methodische Massnahmen

Leistungstests (Checks)

Nachteilsausgleichsmassnahmen, die für Prüfungen vereinbart sind, können auch bei Leistungstests (Check P3, Check P5, Check S2, Check S3) angewendet werden, obwohl die Checks förderorientiert sind, nicht benotet werden und nicht promotionswirksam sind. Bei der Lehrstellensuche können Leistungstests jedoch bedeutsam sein. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler sollen ihre Kompetenzen unter Abmilderung behinderungsbedingter Nachteile zeigen können. Voraussetzung ist, dass dies technisch möglich ist.

Beurteilung, Zeugniseintrag und Übertritt

Bei Massnahmen zum Nachteilsausgleich werden die Lernziele des regulären Lehrplans immer beibehalten. Der Nachteilsausgleich hat deshalb keinen Einfluss auf die Beurteilung im Zeugnis. Die Lehrperson ermittelt die einzelnen Zeugnisnoten und begründet Laufbahnentscheide aufgrund der Beurteilungsbelege. Deren Gewichtung liegt im pflichtgemässen Ermessen der Lehrpersonen, wobei auf die Entwicklung während der Beurteilungsperiode besonders Rücksicht genommen werden muss (§ 5 Abs. 2 Verordnung über die Laufbahnentscheide an der Volksschule, SAR 421.352). Diese Bestimmung gilt für alle Schülerinnen und Schüler.

Der Nachteilsausgleich wird im Zeugnis nicht vermerkt.

Bei Klassenwechseln und Übertritten innerhalb der Volksschule vereinbaren die Lehrpersonen mit den Eltern, wie man an die aufnehmende Klasse bzw. Schule gelangt und welche Informationen durch wen weitergegeben werden. Die Meinung des Kindes oder des/der Jugendlichen wird in altersgerechter Art berücksichtigt. Beim Übertritt in die Sekundarstufe II deklarieren der/die Jugendliche oder die Eltern den Bedarf bei der weiterführenden Schule, falls dies aus ihrer Sicht notwendig ist.

Vorgehensweise

Voraussetzung für einen formellen Nachteilsausgleich ist eine diagnostizierte Behinderung (Art, Schweregrad, Auswirkungen) und das nachgewiesene intellektuelle Potenzial, dem regulären Lehrplan folgen und dessen Ziele erreichen zu können. Die Massnahmen zum Nachteilsausgleich werden aufgrund der Diagnose individuell festgelegt und in einer Vereinbarung festgehalten. Sie müssen insbesondere in Prüfungssituationen anwendbar sein.

Ablauf bei Massnahmen zum Nachteilsausgleich

Ablauf bei Massnahmen zum Nachteilsausgleich

  • Die Klassenlehrperson oder die Fachperson Schulische Heilpädagogik (SHP) bzw. Sprachheilfachperson fordert im Einverständnis mit den Eltern eine Beurteilung durch den Schulpsychologischen Dienst an. Der Fachbericht enthält eine Diagnose und Angaben zu den Auswirkungen der Behinderung bzw. der tiefgreifenden Entwicklungsstörung im schulischen Umfeld.
  • Ist eine Behinderung beziehungsweise tiefgreifende Entwicklungsstörung diagnostiziert, wird geprüft, ob dem Kind oder Jugendlichen daraus ein schulischer Nachteil erwächst. Ist das der Fall, klärt die Schule aufgrund des Fachberichts SPD, ob die regulären Lernziele zu erreichen sind.
  • Sind die Voraussetzungen für einen Nachteilsausgleich aufgrund des Fachberichts SPD gegeben, werden die notwendigen Massnahmen geplant. Die Massnahmenplanung erfolgt in der Regel durch die SHP oder die Sprachheilfachperson in Absprache mit den Lehrpersonen.
  • Können sich Eltern und Klassenlehrperson oder SHP bzw. Sprachheilfachperson nicht über einen Nachteilsausgleich einigen, können die Eltern diesen direkt bei der Schulleitung beantragen.
  • Bei Uneinigkeit fällt der Gemeinderat beziehungsweis die damit beauftragte Stelle auf Antrag einen beschwerdefähigen Entscheid.

Zur Seite "Erstbeurteilung bei besonderem Bildungsbedarf"

Vorgehen bei schwerer Lese- und Rechtschreibstörung oder Rechenstörung

Den Auswirkungen einer Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) oder einer schweren Rechenstörung (RS) kann im Unterricht mit individualisierenden Massnahmen begegnet werden. Dazu sind keine formalen Vereinbarungen nötig.

Ein formaler Nachteilsausgleich ist ausschliesslich bei einer schweren Form der LRS oder RS möglich. Der Schweregrad der LRS oder RS wird vom Schulpsychologischen Dienst beurteilt. Als Grundlage dient ein Fachbericht der Fachperson für Logopädie.

Leitende Fragestellungen für Individualisierung und Nachteilsausgleich:

  • Welche Strategien zum Umgang mit der LRS oder RS werden in der Therapie vermittelt?
  • Welche Anpassungen im Unterricht sind nötig, damit die Strategien angewendet werden können?

Checkliste zur Einschätzung einer schweren Lese- und Rechtschreibstörung (LRS) vor einer Anmeldung beim SPD

  • Das Kind befindet sich frühestens am Ende der 3. Klasse.
  • Die Lesefertigkeit und/oder das Lesesinnverständnis sind eingeschränkt.
  • Die Rechtschreibfähigkeiten sind eingeschränkt.
  • Die Testwerte liegen 2 Standardabweichungen unterhalb der Altersnorm (T-Wert kleiner 30, Prozentränge 1-3).
  • Es besteht eine Diskrepanz zwischen Lese- und Schreibleistungen und anderen schulischen Leistungen (Mathematik, mündliche Sprache, NMG).
  • Das Leistungspotential liegt mindestens im Normbereich.
  • Es liegen keine weiteren Einschränkungen (z. B. Sehprobleme) vor.
  • Der Verlauf beim Erwerb der Lese- und Rechtschreibkompetenzen ist trotz Therapie langsam oder stagniert.
  • Störungsbewusstsein und/oder Leidensdruck sind vorhanden.
  • Massnahmen des individualisierenden Unterrichts werden angewendet.
  • Es zeigen sich Auswirkungen im Alltag des Kindes.

Kriterien Nachteilsausgleich bei schwerer LRS (PDF, 2 Seiten, 226 KB)

Checkliste zur Einschätzung einer schweren Rechenstörung (RS) vor einer Anmeldung beim SPD

  • Die schwere RS besteht seit den frühen Anfängen des Rechenlernens.
  • Die schwere RS kann nicht auf eine Intelligenzminderung, mangelnde Beschulung, auf Defizite beim Hören, Sehen oder motorische Störungen oder auf ein erzieherisches Defizit zurückgeführt werden.
  • Es besteht eine Diskrepanz zwischen den Rechenleistungen und den Leseleistungen, dem Leseverständnis sowie der Rechtschreibung und den Leistungen im Fachbereich Natur, Mensch Gesellschaft.
  • Die Beeinträchtigung zeigt eine konstant tiefe Leistungserbringung.
  • Ausschlusskriterium: Da es sich um eine isolierte RS gemäss ICD 10 F81.2 handelt, dürfen in der Vorgeschichte keine ausgeprägten Lese- oder Rechtschreibschwierigkeiten bestanden haben.
  • Störungsbewusstsein und/oder Leistungsdruck sind vorhanden.
  • Verschiedene Massnahmen des individualisierenden Unterrichts werden angewendet.
  • Die beschriebene Störung behindert eine Schulausbildung oder die alltäglichen Tätigkeiten, die Rechenfertigkeiten erfordern.

Abgrenzung zu angepassten Lernzielen

Die Anpassung von Lernzielen ist eine Massnahme, die nicht im Rahmen eines Nachteilsausgleichs erfolgen darf. Lernzielanpassungen haben Auswirkungen auf die Schullaufbahn und auf allfällige Anschlusslösungen. Sie schaffen Ungleichheit und sind deshalb im Sinne des Behindertengleichstellungsgesetzes nicht geeignet, Benachteiligungen zu verhindern, zu verringern oder zu beseitigen.

Reduktion des Prüfungsstoffs und Anpassung der Lernziele in einem oder mehreren Fächern, auch wenn dies nur in eingegrenzten Kompetenzbereichen eines Fachs (z.B. Lesen und Rechtschreibung oder Arithmetik) erfolgt, erfordern immer einen Laufbahnentscheid. In der Folge wird die Note in den betreffenden Fächern ausgesetzt und die Beurteilung im Zeugnis erfolgt mittels Lernbericht.

Mehr Informationen zu angepassten Lernzielen

Rechtliche Grundlagen

Informationen zu diesem Inhalt

Schulleitung, Oberstufenlehrperson,